Barocke Pracht und romantische Landschaften – Auf dem Elberadweg unterwegs in Tschechien

Schon seit Jahren führt der Elberadweg die Beliebtheitsskala der Radfernwege in Deutschland an. Doch wenn die Elbe das sächsische Bad Schandau erreicht, hat sie bereits ein knappes Drittel ihres Wegs zur Nordsee zurückgelegt und ist dabei vom Rinnsal zum mächtigen Fluss gewachsen. Ihr Werden kann man auf dem tschechischen Teil des Elberadwegs miterleben.

 


„Sssst“. Mit einem leichten Summen zieht die Dame auf ihrem E-Bike scheinbar mühelos vorbei. Den anderen Radlern verlangt die steile Asphaltstrecke die letzten Kraftreserven ab. Dabei fing es ganz entspannt an: Ein Sessellift brachte Fahrer und Räder vom Touristenzentrum Špindlerův Mlýn (Spindlermühle) zur Bergstation Medvědín. Von dort geht es nun mit vielen Aufs und wenig Abs zur futuristisch wirkenden Elbfallbaude. Auf den Wiesen oberhalb entspringt die Elbe, die hier Labe heißt. Schon kurz danach stürzt sie sich mit Getöse erst einmal 40 Meter in die Tiefe.

Die Tour zur Quelle ist die Königsetappe – empfehlenswert eher für sportliche Fahrer. Der offizielle Radweg beginnt erst 20 Kilometer talabwärts im Ferienort Vrchlabí (Hohenelbe). Gelbe Schilder mit der Nummer 2 weisen den Weg, der ohne große Höhenunterschiede den vielen Windungen des Flusses folgt. „Erst im Jahr 2008 hat Tschechien damit begonnen, den Radweg entlang der Elbe zu entwickeln“, sagt Marketingkoordinator Daniel Mourek. Schritt für Schritt wurden seitdem Wege erneuert oder neu angelegt. Heute arbeitet Tschechien eng mit der deutschen Seite zusammen, der Elberadweg wird gemeinsam vermarktet, für radfreundliche Unterkünfte oder Gaststätten gibt es vergleichbare Regeln beiderseits der Grenze.

Ein erster Höhepunkt ist der ehemalige Kurort Kuks (Kukus). Wie aus dem Nichts erscheint am linken Ufer ein monumentaler Barockbau. Er wirkt wie ein Schloss, war aber ein Hospital, in dem Kriegsversehrte gepflegt wurden. Rund 100.000 Radler besuchten im vergangenen Jahr das frisch sanierte Ensemble mit Freskengang, der zweitältesten Apotheke Europas, dem größten Kräutergarten Tschechiens und den meisterlichen Skulpturen von Matthias Bernhard Braun, dem böhmischen Michelangelo.
Nur 20 Kilometer liegen die Elbstädte Hradec Králové (Königgrätz) und Pardubice (Pardubitz) auseinander und beide pflegen eine ähnlich innige Freundschaft wie Köln und Düsseldorf. Königgrätz war schon im frühen Mittelalter ein bedeutender Handelsplatz, Pardubitz zog im 16. Jahrhundert nach. Spannungsreich ist der Wechsel zwischen barockem Prunk und den klaren Formen des Kubismus im Zentrum von Königgrätz. Die Renaissance ist in der Altstadt von Pardubitz allgegenwärtig, wo der Radweg über das Gelände des Schlosses führt. Wer genügend Zeit hat, macht beide Städte zum Etappenziel. Bei jeweils rund 10.000 Studenten ist für Unterhaltung am Abend gesorgt.
Weiter nördlich überragt ein mächtiger Kelch den Marktplatz von Litoměřice (Leitmeritz), der zu den schönsten Böhmens gehört. Der ungewöhnliche Turm des Kelchhauses soll an die hussitische Tradition der Kommunion erinnern. Doch er könnte auch ein Symbol dafür sein, dass rund um die Stadt schon seit Jahrhunderten Wein angebaut wird. Ein Gang durch die Geschichte des böhmischen Weinbaus bietet sich nur wenige Kilometer elbabwärts. Bis heute werden die mittelalterlichen Keller von Velké Žernoseky (Groß Tschernosek) genutzt, die Zisterziensermönche um 1250 erbauten. Was in den mächtigen Holzfässern reift, lässt sich vor Ort probieren.
Durch das böhmische Mittelgebirge mit seinen zahllosen erloschenen Vulkankegeln bahnt sich der Fluss seinen Weg weiter nordwärts nach Ústí nad Labem (Aussig). Die romantische Landschaft begeisterte schon Caspar David Friedrich. Burg Střekov (Schreckenstein), am Rande von Aussig und 100 Meter hoch über der Elbe gelegen, faszinierte den Maler Ludwig Richter und inspirierte Richard Wagner zu seinem „Tannhäuser“. Heute kann man im Lokal Wagnerka den Blick ins Tal genießen.
Die ehemalige Industrieregion zwischen Aussig und Děčín (Tetschen) sieht ihre Zukunft im Tourismus. Der Elberadweg ist ein wichtiger Baustein des längst begonnenen Strukturwandels und so findet man hier bestens ausgebaute Wege. Kleine Yachten liegen am Ufer vor Anker, Ausflugsschiffe verkehren auf dem breiten Strom. Das barocke Schloss von Děčín, in dem Fréderic Chopin 1835 seinen Tetschener Walzer komponierte, war fast eine Ruine, als es die sowjetischen Truppen 1991 verließen. Heute ist es zusammen mit dem verwunschenen Rosengarten wieder die Visitenkarte der Stadt.

Die urige Gaststätte Dolní Grund kurz hinter Tetschen ist ein beliebter Radlertreff. Zwei Paare aus Hamburg stärken sich dort vor der Etappe durch das Elbsandsteingebirge. Vor 15 Jahren haben sie bereits die Tour von Prag nach Dresden entlang von Moldau und Elbe. „Kein Vergleich zu damals“, schwärmt eine ältere Dame: „Früher waren die Orte noch grau und richtige Radwege gab es gar nicht.“ Heute sei die Strecke fast überall in einem guten Zustand. Mit dem charakteristischen „Sssst“ begeben sie sich auf den letzten Abschnitt zur Grenze, wo nur noch ein Pfosten mit dem Wappen der Tschechoslowakei an frühere Zeiten erinnert. Autor: Klaus Klöppel

Infos: Rund 370 von insgesamt 1270 Kilometer des Elberadwegs führen durch Tschechien. Für die gesamte Tour sollte man mindestens acht Tage einplanen. Informationen zum Verlauf gibt es unter www.labska-stezka.cz Knapp 200 km lang ist die Strecke von Prag entlang von Moldau und Elbe bis zur Grenze. Der Veranstalter Enthusia in Děčín bietet Tourenräder und E-Bikes, organisiert Unterkünfte, Gepäck- und Personentransfers, zu Beispiel ab/bis Dresden. Infos: www.enthusia.cz. Allgemeine Auskünfte zu Reisen nach Tschechien bei CzechTourism in Berlin, www.czechtourism.com

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