Neue Sonderausstellung im Museum Schwedenspeicher Stade

Eine ungebrochene Kontinuität über sechs Jahrhunderte für drei vorreformatorische und eine nachreformatorische Brüderschaften kann keine andere Stadt außer der Hansestadt Stade in Deutschland vorweisen.

Brüderschaften sind ein Phänomen der spätmittelalterlichen Frömmigkeitskultur. Gegründet zum gemeinsamen Gebet und Totengedenken, verbunden mit der Fürsorge für die „verschämten Armen“, verbildlichen sie in geradezu idealer Weise die religiösen Vorstellungen im 15. Jahrhundert. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden
Barmherzigkeit erlangen“ (Mt 5,7). Dieser bekannte Satz aus den Seligpreisungen ist das Programm der frühen Brüderschaften. Neben dem Ausleben der gemeinsamen Religiosität haben die Verbindungen allerdings auch weitere Funktionen. In den Brüderschaften, die zumeist auf Kirchspiel-Ebene organisiert sind, schließen sich Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zusammen. In der Regel sind es wohlhabende Bürger, sie entstammen aber ganz verschiedenen Berufsgruppen. Hinzu kommen Mitglieder des Magistrats und der Kirchen.

 

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Der Vorstand, das sogenannte Ältermannskolleg, der Kaufleute- und Schiffer-Brüderschaft im Jahr 1900. Von links: Chr. Külcke, Johann Friedrich Hausloh, Heinrich Wilhelm Heyderich, Johann Christian Mirowsky, Johannes Grube, Friedrich Eichstaedt, L. Prockwitz, Johann Heinrich Ludwig Freise, J. H. Tomforde – © 2016 Museen Stade

Gemeinsam bilden sie vielfältige Netzwerke innerhalb der spätmittelalterlichen Städte. Die Bindung ist auf eine lebenslange Gemeinschaft ausgelegt, das gemeinsame Totengedenken sichert eine nahezu unbegrenzte Erinnerung an die einzelne Person. Damit ergibt sich ein Kontinuum, dessen Grenzen weit über die eigenen Familienbande
hinausreichen. Dieses hohe Maß an Verlässlichkeit, Zusammengehörigkeit und ewigem Andenken bieten die Stader Brüderschaften tatsächlich bis heute. Ein jähes Ende finden die meisten Gebetsbrüderschaften im Zuge der Reformation. Martin Luther legte schon früh den Finger in die Wunden, mit einem Blick auf die „bösen Übungen der Bruderschaften“: „Eine unter ihnen ist die, dass man ein Fressen und Saufen ausrichtet, eine oder mehrere Messen halten lässt, nach denen der ganze Tag und die Nacht und
der nächste Tag dazu dem Teufel zu eigen gegeben werden. Da geschieht nichts anderes, als was Gott missfällt. Solches Wüten hat der böse Geist uns eingetragen, und er lässt es eine Bruderschaft nennen, obwohl es mehr eine Luderei ist und ein ganz heidnisches, ja säuisches Wesen. Es wäre viel besser, wenn keine Bruderschaft in der Welt wäre, als dass
solcher Unfug geduldet wird.“ Diese drastische Einschätzung haben die wenigsten Brüderschaften überlebt. Ganz anders in Stade, wo bereits kurz nach der Reformation evangelische und katholische Geistliche gemeinsam in den Brüderschaften agieren, feiern und sogar bei den Festen aus einem Pokal trinken. Eine solche Situation wäre andernorts wohl unvorstellbar gewesen. In Stade pflegte man regelrecht ein tolerantes Miteinander der verschiedenen religiösen Gruppierungen. Dies dürfte ein entscheidender Grund dafür sein, dass die Brüderschaften bis heute existieren. Den Wandel von einer Handels- zur Garnisons- und Verwaltungsstadt haben sie ebenfalls nicht nur überstanden, sondern auch integrativ gelebt. Im 17. Jahrhundert waren Mitglieder der schwedischen Regierung auch in den Brüderschaften sehr aktiv ebenso wie Militärs der unterschiedlichsten
Garnisonstruppen in den folgenden Jahrhunderten. Ein größerer Wandel vollzieht sich noch einmal im 19. Jahrhundert. Die Brüderschaften geben sich neue Satzungen, werden als juristische Personen oder Vereine eingetragen, das heißt sie ändern ihre Organisationsstruktur. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die bis heute weitestgehend noch gültigen Fest-, Kleider- und Tanzordnungen. Während das Kapital der Brüderschaften in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens noch über Land, Immobilien und daran geknüpfte Renten aufgebaut wurde, wandelt sich auch hier die Struktur. Die Brüderschaften schöpfen weniger aus vorhandenen Rücklagen. Sie setzen nur noch die im jeweiligen Jahr gesammelten Spenden um. So überstehen sie auch die Inflation. Während des Nationalsozialismus ziehen sich die Brüderschaften stark zurück. Nachdem die NSDAP in den 1930er-Jahren vergeblich versucht, die Männerbünde zur Selbstauflösung zu bewegen, geraten sie während des Zweiten Weltkrieges aus dem Fokus der Partei. Ihre 1939 den Forderungen der NSDAP angepassten Satzungen werden mit dem Kriegsende ad acta gelegt. In der Nachkriegszeit besinnt man sich der alten Traditionen und die Brüderschaften blühen neu auf. Die Spendenpraxis wird nach und nach den Forderungen des Steuerrechts angepasst, ebenso wie die Mitgliederstrukturen dem gesellschaftlichen
Wandel. Im Mittelpunkt des Jahres stehen nach wie vor die jährlichen Stiftungsfeste, zum Teil sind es heute wichtige gesellschaftliche Ereignisse, bei denen die festlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts weiterhin aktiv gelebt werden. Inzwischen unterstützen die Brüderschaften nicht nur Einzelpersonen am Rande der Gesellschaft, sondern auch soziale Einrichtungen, Projekte und Aktivitäten der Jugendbildung. Nach wie vor stehen sie mitten in der Gesellschaft und sind fester Bestandteil des sozialen Gefüges der Hansestadt Stade. Mit dem alljährlichen Hansemahl haben sich drei der Brüderschaften sogar für eine sehr öffentlich wirksame Gemeinschaftsaktion entschieden. Die
Ausstellung folgt den Stader-Brüderschaften durch ihre 600-jährige Geschichte. Präsentiert werden zahlreiche bisher unveröffentlichte Urkunden und Archivalien ebenso wie die Silberpokale der Brüderschaften, ihre Spendenbüchsen und verschiedene Ritualgegenstände. Filmausschnitte geben Einblicke in die jährlichen Feste. Interviews und Statements der Brüder vergegenwärtigen den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Die vier Stader Brüderschaften: St. Pankratii-Brüderschaft e.V. von 1414 in
Stade St. Antonii-Brüderschaft zu Stade von 1439 Rosenkranz-Gottes-Hülfe-Brüderschaft von 1482 zu Stade Kaufleute- und Schiffer-Brüderschaft von 1556 in Stade Aus Anlass der Ausstellung wurden alle bekannten 4470 Mitglieder der Brüderschaften seit ihrer
Gründung in einer Datenbank zusammengefasst, die über ein Recherchetool durchsucht werden kann: http://www.museen-stade.de/schwedenspeicher/medienstationen-online/bruder-gesucht/

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