Aus einer Mücken einen Elefanten machen: Kleine mal ganz groß

Wandelnde Blätter, Stabschrecken, Heimchen, Spinnen und Co.: ein faszinierender Einblick in die grosse Vielfalt der Insekten und anderer Gliederfüsser.

Der Zoo Zürich möchte seine Besucher für die Tierwelt, für die Faszination der Natur begeistern. Dies macht er mit einer kleinen Auswahl von Tieren aus der grossen Palette der Artenvielfalt. Um die 68‘000 Wirbeltierarten sind bekannt. Noch grösser ist die Vielfalt bei den Gliederfüssern, die u.a. die Insekten, Krebstiere, Tausendfüsser, Spinnen oder Skorpione umfassen. Hier spricht man von etwa 1.2 Millionen Arten. Diese Tiergruppe umfasst kleinere bis sehr kleine Arten. Es hat Mücken und Fliegen darunter, die den Menschen eher ärgern, und bunte Käfer und Schmetterlinge, die unser Auge erfreuen. Die allermeisten geniessen aber nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie Elefanten & Co, und so sind sie im Tierbestand der Zoos in aller Regel stark untervertreten.

 

Wandelndes Blatt

Wandelndes Blatt (Phyllium gigantea). – Copyright: Zoo Zürich, Rita Schlegel

 

Diesen Gliederfüssern gilt der Fokus am heutigen Medien-Apéro. Ob der oben erwähnten Artenfülle kann die Vielfalt nur gestreift werden. Die im Zoo Zürich gezeigten Arten gliedern sich in zwei Themenkreise: Tarnung und Giftigkeit. Zudem haben einige Arten eine wichtige Bedeutung als Futtertiere.
Mit wiederholtem «Kleider-»Wechsel äusserst erfolgreich

Die Gliederfüsser sind wohl die erfolgreichste Tiergruppe. Sie haben sich alle Lebensräume erschlossen und besetzen eine Vielzahl von ökologischen Nischen im Wasser, auf dem Boden und in der Luft. Allen diesen Tieren gemeinsam ist das aus Chitin gebildete äussere Skelett. Diese starre Haut lässt ein Wachstum nur zu, indem die Tiere aus «ihrer Haut fahren» und sich häuten. Wenn auch die Tiere bei diesem Vorgang bis zur Aushärtung der neuen Haut kurzzeitig sehr verletzlich sind, hat sich dieses Prinzip sehr bewährt. Die grössten Vertreter der Gliederfüsser, die japanischen Riesenkrabben, erreichen ein Gewicht von über zehn Kilogramm und eine Spannweite der ausgestreckten Beine von dreieinhalb Metern.

Das Wachstum der Gliederfüsser vom Jugend- zum Erwachsenenstadium folgt im Wesentlichen zwei Mustern: Einerseits bleibt der Bauplan während der ganzen Entwicklung mehr oder weniger gleich. So sind frisch geschlüpfte Heuschrecken schon als solche erkennbar (hemimetabole Entwicklung). Andererseits findet am Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenstadium ein «Umbau» des Tieres statt. Eine Raupe durchläuft im Puppenstadium eine grundlegende Umwandlung zum Schmetterling (holometabole Entwicklung).

Gliederfüsser ernähren sich räuberisch, von Pflanzen oder treten als Parasiten auf. Gleichzeitig bilden sie die Nahrungsgrundlage für unzählige andere Tiere. Frisch metamorphisierte Pfeilgiftfrösche etwa erbeuten knapp Millimeter grosse Springschwänze, der Grosse Ameisenbär stellt täglich rund 30‘000 Ameisen und Termiten nach und der bis zu 200 Tonnen schwere Blauwal stillt seinen Hunger mit enormen Mengen an Kleinstkrebsen. Auch für den Menschen sind Vertreter dieser Tiergruppe von grosser Bedeutung, sowohl in der positiven wie negativen Wahrnehmung. Als Bestäuber tragen sie zur Nahrungsmittelproduktion bei und mit Honig und Proteinen von Krebsen und Insekten bereichern sie unseren Speiseplan. Als Mitnutzer erscheinen sie uns als Schädlinge bei Pflanzen, Vorräten oder Hölzern. Unangenehm sind ihre Auftritte als Parasiten oder Krankheitsüberträger.

Auch bei der Fortpflanzung ziehen die Gliederfüsser alle Register: Geschlechtliche und ungeschlechtliche Fortpflanzung, Eiablage und Lebendgeburt sowie Brutpflege sind hier Stichworte.
Raffinierte Tarnung durch Form und Farbe

Im Exotarium, dem grossen Gebäude gleich beim Zoo Haupteingang, leben in einem Terrarium, das sich an die Anlage der Faultiere anlehnt, verschiedene Arten von Stab- und Gespenstschrecken. Weitere Arten, die bei der Tierpräsentation «Exoten im Regenwald» eingesetzt werden (jeweils am Montag und Donnerstag um 15.45 Uhr), sind in Hintergrundanlagen untergebracht.

Stab- und Gespenstschrecken kommen in rund 2500 Arten in den Tropen und Subtropen vor und ernähren sich von Pflanzen. Um nicht selbst als Nahrung zu enden, bedienen sie sich meisterlich der Tarnung. Stabschrecken zum Beispiel imitieren mit ihren langgestreckten Körpern feine Zweige und Ästchen. Knospenartige Strukturen und wie Seitenäste abgespreizte Beine verstärken die Illusion. Selbst scheinbare Windstösse werden in die Bewegung aufgenommen. Andere Arten «verschwinden», selbst mit ihren zum Teil korpulenten Körpern, dank ihrer Färbung zwischen den Blättern oder in der Laubstreu. Einige Arten verfügen über Abwehrmechanismen. Farbige Arten etwa signalisieren mit ihrer Auffälligkeit, dass sie mit chemischen Abwehrstoffen ausgestattet sind. Oder Gespenstschrecken nutzen ihre dornenartigen Fortsätze insbesondere an den Beinen, um sich gegen mögliche Fressfeinde zur Wehr zu setzen.

Eine verblüffende Erscheinung der Tiergruppe sind auch die Wandelnden Blätter. Sie imitieren mit einer unwahrscheinlichen Detailtreue Blätter: Die «Blätter» tragen eine gut sichtbare Nervatur aus Mittel- und Seitenrippen, rostfarbige Verfärbungen simulieren sehr natürlich wirkend kleinere Beeinträchtigungen des Blattes. Die Imitation des Blattes ist so gut, dass es vorkommen soll, dass Wandelnde Blätter versehentlich von Artgenossen angefressen werden.

Auch auf Tarnung basiert die Strategie der Blütenmantis, einer Fangschrecke (Gottesanbeterin). Die Blütenmantis nimmt in ihrer Körperform und -farbe Gestaltungselemente von Blüten auf. So getarnt, lauert sie in Blüten auf Blütenbesucher.
Faszination des Prädikats «giftig»

Ein ambivalentes Interesse erzeugen giftige Tiere. Man möchte ihnen nicht zu nahe kommen, und doch will man sie sehen; sie faszinieren und stossen gleichzeitig ab. Dabei beschäftigt jeweils insbesondere die Frage, wie giftig ein solches Tier ist.

Zwei Vertreter von mit Gift assoziierten Gliederfüssern sind im Kaeng Krachan Elefantenpark untergebracht: Vogelspinne und Riesenskorpion. Eine weitere Vogelspinne hat ihr Domizil im Exotarium: die Rotknie-Vogelspinne Sophie. Sie hat schon unzähligen Personen mit einer phobischen Abneigung gegenüber Spinnen geholfen, ein unverkrampfteres Verhältnis zu ihrer Art zu entwickeln (zoo.ch/angstseminar).

Die bis zu handtellergrossen Vogelspinnen imponieren alleine schon durch ihre Grösse. Der Bezug zu Vögeln als potenzielle Nahrung im Namen lässt sie gefährlicher erscheinen, als sie es wirklich sind. Die Familie der Vogelspinnen umfasst über 950 Arten. Alle sind mit acht Augen, vier Beinpaaren und kräftigen Giftklauen ausgestattet und dicht behaart. Die Haare übernehmen dabei verschiedene Funktionen. Hafthaare an der Spitze der Beine ermöglichen es den Spinnen, selbst auf glatten Oberflächen Halt zu finden. Geschmackshaare an den Tastern und den vorderen Beinpaaren ermöglichen die Erkennung von Beutetieren oder Artgenossen. Tasthaare nehmen feinste Erschütterungen und Luftbewegungen wahr. Schliesslich besitzen Vogelspinnen auf ihrem Hinterleib Brennhaare, die sie mit schabenden Bewegungen der Hinterbeine als Abwehrreaktion potentiellen Feinden entgegen schleudern können.

Vogelspinnen bauen für den Beutefang keine Netze. Ihre Beutetiere – hauptsächlich Insekten mittlerer Grösse – erkennen sie mit ihren Tastern und packen sie mit ihren Klauen. Ihr Biss ist für uns Menschen nicht gefährlicher als etwa ein Wespenstich.

Die Skorpione zählen zur Ordnung der Spinnentiere. Charakteristisch für die nachtaktiven und versteckt lebenden Tiere sind die beiden Fangarme mit den kräftigen Scheren, vier Paar Laufbeine und der schmale, länglich ausgezogene hintere Teil des Hinterleibes. Dieses schwanzartige Gebilde trägt am Ende den Giftstachel und die Giftdrüse und wird bei der Fortbewegung leicht eingerollt über dem Körper getragen. Ihr Gift setzen die Skorpione zum Töten ihrer Beutetiere und zur Abwehr von Fressfeinden ein. Einzelne Skorpionarten haben ein auch für Menschen potenziell tödliches Gift.

Bei der Fortpflanzung trägt das Weibchen die befruchteten Eier mit sich herum und bringt die frisch geschlüpften Jungen «lebend» zur Welt (Ovoviviparie). Die Jungen verbringen ihre erste Lebensphase von der Mutter beschützt auf deren Rücken. Eine Besonderheit weist das Chitinskelett der Skorpione auf: unter UV-Licht fluoresziert es.

Im Kaeng Krachan Elefantenpark zeigen wir den in Indien und Sri Lanka heimischen Asiatischen Riesenskorpion. Er erreicht eine Länge von 14 bis 17 Zentimetern und ein Gewicht von 60 Gramm. Er bewohnt tropische und subtropische Feuchtwälder. Sein Stich hat beim Menschen in etwa die Wirkung eines Bienenstiches.
Fressen, um gefressen zu werden

Für viele Tiere stellen Gliederfüsser eine wichtige Nahrungsgrundlage dar. Das zeigt sich schon in der Bezeichnung «Insektenfresser». Und so gehören verschiedene Futtertiere, die der Zoo Zürich aus Zuchten bezieht, zur Futterpalette:

– Springschwänze (ca. 1mm)
– Buffalowürmer: Larven des Getreideschimmelkäfers (bis ca. 13mm)
– Mehlwürmer: Larven des Mehlkäfers (bis ca. 35mm)
– Zophobas: Larven des Grossen Schwarzkäfers (bis ca. 50mm)
– Wachsmotten: verschiedene Larvenstadien und Falter
– Heimchen (ursprünglich aus Afrika stammende Grillenart): div. Entwicklungsstadien (bis 20mm)
– Wanderheuschrecken (bis ca. 60mm)
– Schaben: Madagaskar-Fauchschabe (bis ca. 80mm)
– Tau-/Fruchtfliegen: zwei Arten, versch. Stämme unterschiedlicher Grösse, z.T. flugunfähig (ca. 3–4mm)
– Stubenfliegen: z.T. flugunfähige Stämme.

Verschiedene der hier aufgeführten tierischen Leckerbissen sind im Gespräch, dereinst auch uns Menschen als Nahrung zu dienen.

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